Gesetz der Polarität: Teil 1

Nachdem wir uns im vorherigen Kapitel mit dem Gesetz des Geschlechts und der Suche nach innerer Harmonie beschäftigt haben, wenden wir uns nun einem weiteren grundlegenden Prinzip der kosmischen Gesetzmäßigkeiten zu: dem Gesetz der Polarität.

Polarität versus Dualität – Teil 1

„Die Kunst des Lebens besteht darin,
die Polarität zu überwinden,
der illusionären Realität zu entschwinden,
um den Geist mit der Materie zu verbinden.“

– Verena Tykvart

Im ersten Schritt betrachten wir zwei Begriffe, die häufig miteinander verwechselt werden – Polarität und Dualität. Obwohl sie oft im gleichen Zusammenhang genannt werden, beschreiben sie völlig unterschiedliche Prinzipien.

Dualität – das „Entweder-oder“

Die Bedeutungen zweier Begrifflichkeiten, nämlich die der Polarität und der Dualität, die oftmals in einem Atemzug genannt und durcheinandergewürfelt werden, sollen im Folgenden eingehender beleuchtet werden.

Beide Begriffe haben miteinander nichts zu tun.

So kompliziert eine Unterscheidung auf den ersten Blick erscheinen mag, so einfach wird es, wenn man zum tieferen Verständnis vordringt.

Dualität bedeutet so viel wie „Doppeltheit“, „Zweiheit“. Es impliziert ein automatisches „Entweder-oder“ – Ausschluss-Denken.

Dies ist beispielsweise der Fall, wenn wir unsere persönliche Meinung als allgemeingültig in den Raum stellen. Wenn wir sagen: „Alle Reichen sind Betrüger“, dann ist dies eine verallgemeinernde Aussage, die als absolute Tatsache vertreten wird und keinen Widerspruch duldet.

Es ist so und nicht anders. Basta.

Eine derartige Haltung ist doktrinär, starr, unbeeinflussbar, intolerant und kennt nur eine Richtung. Diese eine Meinung zählt. Alles andere ist falsch.

Wir hören hier schon heraus, dass mit dem Begriff Dualität eine Wertung, eine Bewertung zwangsläufig einhergeht.

Wenn wir an dieser Stelle den Titel dieses Buches bemühen „Der Pickel auf meiner Stirn“, so würden wir in diesem Fall argumentieren:

„Das ist ein echtes Problem.“

Oder umgangssprachlich formuliert hieße das:

„Da sehe ich schwarz.“

Mein Fokus ist nur auf dieses eine Problem gerichtet. In diesem Moment sehe ich nur „Problem, Problem, Problem“, was aber nichts anderes ist als eine persönliche Wertung, meine ganz persönliche Meinung und Sichtweise.

Lasse ich eine offenere Haltung meinem Problem gegenüber nicht zu, dann bleibe ich borniert, stur und rechthaberisch. Agiere ich aus falschem Stolz heraus, werde ich mich kaum für eine Lösung meines Problems begeistern können, die eventuell von anderer Seite an mich herangetragen wird.

Das heißt konkret: Eine dualistische Position einzunehmen bedeutet Ausgrenzung, Isolation, Starrheit, Bewegungslosigkeit, Tod, kurzum alles, was dem Begriff Leben im Sinne von Lebendigkeit entgegensteht.

Auf diesem Standpunkt findet kein Umdenken, keine Weiterentwicklung statt.

Der Mythos der Perfektion

Wie sehr wünschen wir uns in sämtlichen Bereichen unseres Lebens Perfektion?

Die Farben unseres Outfits müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein, die Frisur soll perfekt sitzen, wir wünschen uns den perfekten Partner, über den wir uns nie beklagen können, der all unsere Wünsche von unseren Augen abliest.

Merken Sie etwas?

Ganz ehrlich?

Wie aus dem Nichts drängt sich urplötzlich dieser Satz in uns auf:

„Oh, wie langweilig!“

Gäbe es tatsächlich Perfektion als etwas Absolutes, würde das schlicht und ergreifend den Tod des Lebendigen bedeuten. Denn was bitte sollte an etwas Perfektem noch verbesserungswürdig sein?

Und nun meine Frage:

Wollen Sie immer noch perfekt sein – oder lediglich nach Perfektion streben?

Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Ersteres benennt einen ultimativen Endzustand, zweiteres beschreibt nur eine Entwicklungsrichtung, nämlich das Beste aus sich herauszuholen, sein Bestes gemäß seinen Anlagen und Fähigkeiten zu geben.

Polarität – das Spannungsfeld des Lebens

Nähern wir uns nun dem Begriff der Polarität.

Darin steckt das Wort „Pole“ – wir kennen das sehr gut von den beiden Seiten eines Magnetpols: plus und minus oder Süd- und Nordpol.

Diese Polarität bringt eine reale, physische Spannung hervor. Hier wird Energie erzeugt – Leben.

In anderer Form entspricht Polarität Gegensatzpaaren wie:

  • männlich – weiblich
  • hell – dunkel
  • yin – yang
  • arm – reich

Besonders anschaulich zeigt sich das Prinzip der Polarität im Yin-Yang-Zeichen.

Wir sehen den weiblichen (yin) Anteil wie auch den männlichen (yang). Erst beide zusammen bilden das große Ganze, eine Einheit.

Der eine Pol kann unmöglich ohne seinen Gegenpol existieren. Entfernt man den weiblichen Pol, verschwindet zugleich das männliche Gegenstück. Beide Pole bedingen einander.

Beim Polaritäts-Gedanken handelt es sich demnach um ein Spannungsfeld zwischen zwei Extremen.

Der Gegenpol tritt umso heftiger in Erscheinung, je mehr wir vorher nur den entgegengesetzten Pol berücksichtigt haben – vergleichbar mit einem Pendel, das mit großem Schwung in die eine Richtung ausschlägt.

Wenn es zurück pendelt, geschieht dies in genau der Größe des Ausschlags wie vorher auf der Gegenseite.

Die Achse unseres Lebens

Innerhalb dieses Feldes geht es darum, scheinbare Gegensätze zusammenzubringen, Widersprüche aufzulösen und letztendlich zu erkennen, dass beide Pole eine große Einheit bilden.

Diese beiden gegensätzlichen Pole gilt es zu einer gemeinsamen Achse zu verbinden, damit die Achse in Schwingung gerät. Dazwischen spielt sich unser eigentliches Leben ab.

Alles erscheint uns als Gegensätze, bis wir erkennen, dass arm und reich nur relative Begriffe sind, je nachdem auf welcher Position dieser Achse wir uns gerade befinden.

Oder könnten Sie eindeutig feststellen, wann genau Reichtum beginnt und Armut aufhört?

Das ist doch ein sehr individuelles Empfinden.

Wir treffen tagtäglich Entscheidungen für den einen oder anderen Pol, solange wir diese Gegensätze nicht zusammenbringen.

Kennen Sie das an sich selbst?

Sie sind ständig hin- und hergerissen zwischen Ihrem Gefühl und Ihrem Verstandesdenken?

Was soll ich nur tun, wie soll ich mich entscheiden?

Wenn Sie erkennen, dass Sie jederzeit Wahlmöglichkeiten haben, sich mehr in diese oder jene Richtung auf Ihrer Lebensachse zu bewegen, dann erscheint Ihr Leben nicht wie ein Spielball.

Leben bedeutet Entwicklung

Leben heißt ständiger Wandel. Es unterliegt einem fortwährenden Prozess. Und Prozess bedeutet eben: in der Entwicklung sein.

Nichts steht still.

Unsere Ansichten ändern sich fortlaufend gemäß unserer Lebenserfahrung, unseren Kenntnissen, Fähigkeiten und unserer persönlichen Entwicklung.

Was für mich als Kind oder Jugendlicher noch lebenswichtig war, kann mir als Erwachsener bedeutungslos erscheinen.

Und trotzdem können beide Haltungen – sowohl als „kleines“ als auch als „großes Kind“ – zum jeweiligen Zeitpunkt für mich absolut in Ordnung gewesen sein.

Bei der Polarität geht es immer um Entscheidungen, die ich persönlich für mich treffe. Ich stelle keine allgemeingültigen Wahrheiten in den Raum und fordere, dass der Rest der Welt exakt diese meine Meinung mit mir teilt.

Eine derartig offene Haltung lässt mich mit meiner Umwelt in Kontakt treten. Ich argumentiere, gebe meine Ansichten wieder, toleriere im Gegenzug aber auch anders geartete Sichtweisen.

So entsteht ein lebendiges Miteinander. Es kann Entwicklung stattfinden, innere Lernprozesse können ablaufen.

Das ist das Leben.

Wabi Sabi – die Schönheit des Unvollkommenen

Apropos Perfektionismus:

Sagt Ihnen Wabi Sabi etwas?

Nein, ich meine nicht Wasabi, diesen scharfen japanischen Meerrettich.

Wabi Sabi entstammt zwar auch dem Japanischen, kennzeichnet jedoch ein ästhetisches Konzept, das eng mit dem Zen-Buddhismus verknüpft ist.

Damit steht die nicht auf den ersten Blick sichtbare Schönheit im Vordergrund.

Wenn wir hier das Beispiel für die Schönheit einer Frau heranziehen wollen: Meist wird mit Schönheit Jugendlichkeit, faltenlose Haut, ebenmäßige Gesichtszüge und ein durchtrainierter Körper gleichgesetzt.

Dieser Schönheitsbegriff würde der vordergründigen, sofort wahrnehmbaren Schönheit entsprechen.

Stellen wir uns dagegen das Bild einer älteren Frau vor:

Das Gesicht von Falten übersät, die Haare dünn und ergraut, die Haltung gebückt.

Und doch strahlt von dieser Frau etwas aus, das man innere Schönheit nennen würde.

Der ruhige, gelassene, würdevolle Gesichtsausdruck, in dem sich das gesamte Leben dieser Frau widerspiegelt.

Wunderschön, nicht wahr?

Oder nehmen wir eine Kommode oder einen Tisch, der in die Jahre gekommen ist – vielleicht ein ehrwürdiges Erbstück, von dem sich bereits die Patina löst.

Nach dem Prinzip des Wabi Sabi liegt gerade in dieser Patina das Besondere, das Schöne. Sie erinnert uns an das Vergängliche – ein Hauch von Melancholie und Poesie schwingt darin mit.

So beschreibt Richard R. Powell Wabi Sabi folgendermaßen:

„Es nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.“

„Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden.“

Fazit

Polarität bedeutet nicht Kampf zwischen Gegensätzen, sondern das Zusammenspiel zweier Pole, aus dem Spannung, Bewegung und Entwicklung entstehen.

Erst in diesem Spannungsfeld entfaltet sich das Leben.

Perfektion ist kein Zielzustand – sondern der Tod der Entwicklung. Lebendigkeit entsteht dort, wo wir Gegensätze annehmen, Fehler zulassen und bereit sind, uns weiterzuentwickeln.

In diesem Sinne:

Erlauben wir uns also, Fehler zu machen und nicht perfekt sein zu müssen.

So bleibt unser Leben spannungsreich, ja ganz einfach spannend und l(i)ebenswert.

Ausblick auf Teil 2: „Vom eigenen Schatten verfolgt“

Im nächsten Teil widmen wir uns einem besonders spannenden Aspekt des Gesetzes der Polarität:

„Vom eigenen Schatten verfolgt“

Dabei geht es um die Anteile in uns selbst, die wir lieber nicht sehen möchten – und warum gerade diese Schattenseiten eine entscheidende Rolle für unsere persönliche Entwicklung spielen.

Blogartikel-Ergänzung – THY-Ressourcen

Praxis & Umsetzung

Im ersten Teil des Gesetzes der Polarität lernen wir: Gegensätze gehören zusammen, sie erzeugen Spannung, Bewegung und Entwicklung. Leben heißt, die eigene Achse zwischen Extremen zu finden, Entscheidungen bewusst zu treffen und das Spannungsfeld zwischen männlich/weiblich, hell/dunkel, arm/reich etc. zu erkennen.

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