
Im ersten Teil zum Gesetz der Polarität haben wir den Unterschied zwischen Dualität und Polarität kennengelernt. Während Dualität im starren Entweder-oder denkt, beschreibt Polarität ein lebendiges Spannungsfeld zwischen zwei Polen.
In diesem Spannungsfeld entsteht Bewegung, Entwicklung und letztlich auch Bewusstsein.
Doch was geschieht, wenn wir einen dieser Pole nicht akzeptieren wollen? Wenn wir eine Seite unseres Wesens ablehnen und aus unserem Leben verbannen möchten?
Dann begegnet sie uns oft auf andere Weise wieder.
Dieses Kapitel widmet sich genau diesem Phänomen: dem Schattenanteil in uns und der Frage, warum wir manchmal von genau dem verfolgt werden, was wir am liebsten verdrängen würden.
Vom eigenen Schatten verfolgt – Teil 2
Wir alle kennen das Sprichwort:
„Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“
Natürlicherweise.
Im vorigen Kapitel haben wir uns mit den Polaritäten auseinander gesetzt und erfahren, dass diese eine Achse zwischen zwei Extremen bilden.
Auf dieser Achse bewegen wir uns mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung, je nachdem, welchem Pol wir vorrangig unsere Aufmerksamkeit schenken.
Solange wir „beide Seiten einer Medaille“ in unserem Leben anerkennen, z.B. im Gegensatzpaar Sieg – Niederlage, hier also akzeptieren, dass Niederlagen nicht zwangsläufig das Ende der Welt für unser Leben bedeuten müssen, schreiten wir entspannter durchs Leben.
Kommen die Extrempole immer wieder zu einer Balance, zu einem Ausgleich, meistern wir auch weniger schöne Situationen in unserem Leben mit Bravour.
Wir können uns demjenigen Pol, der uns eher Kopfzerbrechen, Sorgen, Angst oder Unwohlsein bereitet, öffnen und seine Existenz anerkennen. Oder wir verschließen uns diesem unangenehmen Pol und verdrängen ihn so weit wie möglich aus unserem Leben.
Das mag für eine gewisse Zeit gut funktionieren.
In der Tat ist es so, dass alles, was wir an uns nicht wahrhaben wollen, sich in irgendeiner Form im Außen Ausdruck verschafft.
So sind wir beispielsweise absolut friedliebend, vermeiden Konflikte, wo es nur geht, benehmen uns freundlich und zuvorkommend unseren Mitmenschen gegenüber und erwarten nach dem Gesetz der Resonanz eigentlich, dass uns dieser friedliebende Aspekt auch in der Außenwelt wieder begegnet.
Nach diesem Gesetz sollten wir nur von friedfertigen Zeitgenossen umgeben sein.
Pustekuchen!
Oftmals erfahren wir im Alltag gerade das Gegenteil. Wir werden angerempelt, blöd angeredet, in Konfliktsituationen hineingezogen, die wir gar nicht herbeisehnen. Auf der Straße werden wir Zeugen einer Schlägerei.
Wie kommt das? Wie können wir uns das erklären?
Die Antwort ist ganz einfach: Solange wir den Gegenpol von „Frieden“, also „Krieg“ oder „Konflikt“, in unserem Leben ablehnen, werden wir mit diesem Schattenaspekt immer wieder konfrontiert werden.
Das, was wir verdrängen, was wir uns nicht bewusst machen möchten, schiebt sich unweigerlich in unser Leben und in unser Bewusstsein.
Der Schatten ist die ungeliebte Seite in uns, der Aspekt, den wir für uns als „böse“ oder „schlecht“ bewerten.
Und wer möchte schon gerne als schlechter Mensch dastehen?
Wir wollen uns alle von unserer Schokoladenseite zeigen.
Denn werden wir noch genauso geliebt, wenn wir plötzlich nicht mehr nur lieb und friedfertig sind, sondern aus gegebenem Anlass aus der Haut fahren und unserer aufsteigenden Wut Ausdruck verleihen?
Dann hören wir schon Stimmen, die sagen:
„Was ist denn in den gefahren?“
„Ist der verrückt geworden?“
Ein Beispiel aus einer Beziehung
Betrachten wir ein Beispiel für einen Konflikt innerhalb einer Beziehung.
Da trifft ein Mann auf eine Frau, nachdem er schon seit geraumer Zeit eine feste Beziehung gesucht hat. Er sehnt sich nach Zweisamkeit, Angenommensein und Geborgenheit.
Schließlich verliebt er sich und seine Liebe wird auch erwidert.
Alles Friede, Freude, Eierkuchen.
Bis zu dem Tag, an dem er sich mehr und mehr durch die neue Liebe in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlt.
In ihm beginnt ein innerer Konflikt zu brodeln.
Auf der einen Seite die lang ersehnte Liebe.
Auf der anderen Seite der vermeintliche Freiheitsverlust.
Solange dieser Mann nicht anerkennt, dass beide Pole gleichzeitig existieren dürfen, wird er eine innere Zerrissenheit verspüren.
Erst wenn er erkennt, dass Liebe und Freiheit zugleich ihren Platz innerhalb einer Beziehung finden dürfen, kann sich dieser innere Konflikt lösen.
Hält der innere Widerstreit lange genug an, ohne dass eine Lösung gefunden wird, kann dies sogar erneut zu einem Beziehungsverlust führen.
Und das, obwohl sich dieser Mann im Grunde seines Herzens doch nichts sehnlicher wünschte als Nähe, Geborgenheit und Liebe.
Die Aufgabe des Schattens
Verborgene Schattenanteile helfen uns, über uns hinauszuwachsen.
Sie setzen Prozesse in Gang.
Sie zwingen uns, uns mit Situationen auseinanderzusetzen, die uns piesacken, die wir am liebsten von uns weisen würden und mit denen wir absolut nichts zu tun haben wollen.
Lernen wir im Laufe der Zeit, diese Schatten in unser Leben zu integrieren und sie mit freundlichen Augen anzusehen, verlieren sie ihre Macht über uns.
Der ungeliebte Aspekt ist dann zwar immer noch Bestandteil unseres Lebens.
Doch wir sträuben uns nicht mehr mit aller Macht dagegen.
Wir nehmen ihn einfach nur wahr, ohne zu werten.
Und wenn dieser Mann wieder einmal das Gefühl von Freiheitsverlust verspürt, läuft er dieses Mal vielleicht nicht davon.
Stattdessen sagt er innerlich:
„Da bist Du ja wieder. Dieses Mal kannst Du mir keine Angst einjagen. Denn ich weiß nun genau: Wenn ich mich bewusst dem anderen Pol zuwende, der Liebe zu meiner Partnerin, verliert meine Angst vor Freiheitsverlust an Bedeutung. Ich habe die Wahl.“
Der Schatten zeigt sich oft im Außen
Oft zeigt sich der Schattenaspekt, den wir in uns so sehr verachten, unmittelbar im Kontakt mit anderen Menschen.
Achten Sie im Alltag einmal darauf:
Was empfinden Sie bei anderen als besonders störend?
Worüber können Sie sich am meisten aufregen?
Welches Verhalten bringt Sie regelmäßig auf die Palme?
Sind Sie fündig geworden?
Da ist vielleicht diese Kollegin, die ständig jammert.
Sie können es schon nicht mehr hören und beschweren sich bei anderen Kollegen über dieses Verhalten.
Aber was genau machen Sie?
Auch nur jammern.
Was unterscheidet Sie dann von der nervtötenden Kollegin?
Gar nichts.
Deshalb:
Spüren Sie Ihrem Schatten nach.
Hinterfragen Sie sich jedes Mal, wenn Sie auf Widerstände oder unangenehme Situationen stoßen:
„Was um alles in der Welt hat das mit mir zu tun?“
Sie werden erstaunt sein und feststellen:
Eine ganze Menge.
Das bin nämlich ich.
Die Rückkehr zur Einheit
Wir sind auf dieser Welt, um Gegensätze und Widersprüche in uns aufzulösen und zur Einheit zurückzufinden.
Zum All-eins-Sein.
Unser spiritueller Weg besteht darin, zur göttlichen Einheit zurückzufinden.
Das ist unsere Aufgabe und unser eigentliches Lebensziel.
Wenn es uns gelingt, scheinbare Gegensätze als Einheit zu betrachten, lösen sich viele Konflikte von selbst.
Wir gewinnen Ruhe und Einsicht. Wir lassen ab von zerstörerischen Anti-Haltungen.
Denn Widerstand erzeugt Gegendruck.
Loslassen dagegen führt zu innerem Frieden und wirklicher Freiheit.
Kurz zusammengefasst
Der Schatten ist kein Feind, sondern ein Teil unseres Wesens.
Alles, was wir an uns ablehnen oder verdrängen, begegnet uns häufig im Außen wieder.
Erst wenn wir beide Pole unseres Wesens anerkennen und integrieren, verlieren diese inneren Konflikte ihre zerstörerische Kraft.
Das Gesetz der Polarität lädt uns daher ein, Gegensätze nicht zu bekämpfen, sondern sie als Ausdruck eines größeren Ganzen zu verstehen.
Ausblick auf Teil 3: „Anima – Animus“
Im nächsten Abschnitt zum Gesetz der Polarität wenden wir uns einem besonders spannenden Thema zu:
Anima und Animus.
Der Psychologe Carl Gustav Jung beschrieb damit die weiblichen und männlichen Seelenanteile im Menschen.
Jeder Mann trägt einen weiblichen Anteil in sich und jede Frau einen männlichen.
Wie diese inneren Kräfte unser Denken, Fühlen und Handeln prägen und warum ihre Balance für unser inneres Gleichgewicht so wichtig ist, betrachten wir im nächsten Kapitel.
Blogartikel-Ergänzung – THY-Ressourcen
Praxis & Umsetzung:
Im zweiten Teil des Gesetzes der Polarität haben wir gesehen: Unser Schatten – die ungeliebten Anteile in uns – zeigt sich oft im Außen und konfrontiert uns mit ungelösten Konflikten.
- Kostenloses Mini-Workbook Polarität: Übungen, um Schattenanteile zu erkennen, anzunehmen und zu integrieren → Hier geht’s zum Link
- THY-Standortbestimmung: Prüfe, wo du aktuell im Spannungsfeld deiner Lebenspole stehst.
Tipp: Beobachte Situationen, die dich triggern. Frage dich: „Was spiegelt mir dieser Moment über mich selbst?“ – das ist der direkte Weg, um Schatten bewusst zu integrieren.