
Im dritten Teil der Serie zum Gesetz der Polarität widmen wir uns den inneren Gegensätzen von Mann und Frau – Anima und Animus. Carl Gustav Jung prägte diese Begriffe, um die weiblichen und männlichen Seelenanteile im Menschen zu beschreiben.
Wir erkennen: Jeder Mann trägt einen weiblichen Anteil in sich, jede Frau einen männlichen. Erst wenn wir beide Pole in uns selbst wahrnehmen und integrieren, entsteht innere Ganzheit.
Dieser Abschnitt zeigt, wie Projektionen auf den Partner entstehen, warum Beziehungen oft mit Enttäuschungen beginnen und wie echte Partnerschaft auf Respekt, Freiheit und gegenseitiger Akzeptanz beruhen kann.
Anima – Animus – Teil 3
Anima und Animus sind zwei Begrifflichkeiten, die von Carl Gustav Jung in der analytischen Psychologie geprägt wurden.
Dabei entspricht die Anima dem weiblichen unbewussten Anteil im Mann, während der Animus im umgekehrten Fall die unbewussten männlichen Attribute bei der Frau benennt.
Sehr schön zeigt sich dieses Bild im Yin Yang Zeichen, das ich schon an anderer Stelle angesprochen habe.
Im Yin Anteil ist gleichzeitig ein Yang Teil integriert, ebenso wie ein Yang Element nicht ohne einen Yin Anteil bestehen kann.
Männern wie Frauen werden von Geburt an bestimmte Eigenschaften und Qualitäten zugesprochen. So wird das Maskuline in der Regel mit Mut, Betonung des Intellekts, Durchsetzungs und Willenskraft, Entscheidungsfähigkeit und Tatkraft verbunden. Es steht symbolisch für Aktivität.
Dem Femininen werden dagegen Attribute wie Empfänglichkeit, Sanftmut, Gefühlsbetontheit, Weichheit, Liebe, Harmonie, Vertrauen und Passivität zugeschrieben.
Leider ist unsere heutige Zeit stark intellektuell geprägt, was auf eine vorwiegend männlich dominierte Ausrichtung unserer Leistungsgesellschaft hinweist.
Die wohlgemeinten Sprüche aus unseren Kindertagen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Männer weinen nicht“ oder „Jungs spielen nicht mit Puppen“ sind zwar nicht vollständig verschwunden, doch es lassen sich durchaus Tendenzen erkennen, die auf ein langsames Umdenken hindeuten.
Yin und Yang, weiblich und männlich, haben wir als Polaritäten kennengelernt. Kein Pol kann ohne den anderen existieren.
Wenn Paare zueinander finden und die Phase der Verliebtheit beginnt, kommt genau dieses Prinzip der Polarität zum Tragen.
Die weibliche Seite im Mann sucht eine Entsprechung im Gegenüber und projiziert unbewusst ihr inneres Bild auf die Frau an seiner Seite. Dabei spielt beim Mann häufig auch der Archetyp des Mutterbildes eine Rolle.
Natürlich verhält es sich im umgekehrten Fall genauso. Die Frau trägt ein inneres Bild des Animus in sich, welches sie auf ihren Partner projiziert.
Beide schweben im siebten Himmel, in vollkommener Harmonie und Verliebtheit.
Solange diese Projektionen aufrechterhalten bleiben, scheint auch die Harmonie nicht wirklich bedroht. Beide haben scheinbar den perfekten Partner gefunden. Die gegenseitige Anziehung ist enorm, die Faszination füreinander groß.
Doch diese Phase hält selten dauerhaft an.
Spätestens wenn die Phantasie der Realität weicht, löst sich die rosarote Wolke langsam auf. Die vermeintliche Traumfrau entpuppt sich möglicherweise als anhänglich oder einengend, während der perfekte Traummann plötzlich als wenig einfühlsam oder übermäßig karriereorientiert erscheint.
Nicht selten folgt darauf eine Trennung, in der Hoffnung, im nächsten Partner das Idealbild endlich zu finden.
Solange der Mann seine Anima im Außen sucht und die Frau ihren Animus im Partner zu entdecken versucht, wird dieses Spiel aus Verliebtheit und Enttäuschung immer wieder von Neuem beginnen.
Erst wenn der Mann beginnt, das Weibliche in sich selbst wahrzunehmen, also seine Gefühle zuzulassen und ernst zu nehmen, findet er langsam zur inneren Einheit.
Die Frau wiederum findet ihre Stärke, wenn sie auch die männlichen Anteile in sich akzeptiert, Durchsetzungsvermögen entwickelt und beginnt, ihre eigenen Ideen in die Realität umzusetzen.
Verwirklichen bedeutet letztlich nichts anderes, als innere Impulse in die äußere Wirklichkeit zu bringen.
Noch immer erleben wir in unserer Gesellschaft, dass es eher dem Mann zugestanden wird, Karriere zu machen und sich beruflich zu entfalten, während die Frau sich stärker um Familie und Kinder kümmert.
Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles verändert, doch diese Rollenbilder wirken im kollektiven Unterbewusstsein weiterhin nach.
Lernen beide Partner jedoch, ihre Projektionen zurückzunehmen und einander als Menschen mit Stärken, Schwächen und Eigenheiten anzunehmen, kann eine neue Form von Beziehung entstehen.
Eine Beziehung, die auf Freiheit, Respekt und echtem Verständnis basiert.
Jeder findet die Einheit in sich selbst, indem er sowohl den weiblichen als auch den männlichen Anteil integriert.
So begegnen sich Mann und Frau nicht mehr als zwei voneinander abhängige Halbwesen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten.
Interessanterweise zeigen sich diese inneren Entwicklungsprozesse häufig etwa ab der Lebensmitte.
Wenn beim Mann die berufliche Laufbahn gefestigt ist und bei vielen Frauen die Kinder aus dem Gröbsten herausgewachsen sind, taucht oft eine neue Frage auf:
War das alles?
Viele Männer verspüren plötzlich den Wunsch, lange unterdrückte Interessen zu leben, kreativ zu sein oder ihren Gefühlen mehr Raum zu geben.
Manchmal äußert sich dies in spektakulären Veränderungen oder neuen Leidenschaften.
Doch auch ohne extreme Schritte kann diese Phase eine wertvolle Einladung sein, sich intensiver mit dem eigenen Inneren auseinanderzusetzen.
Der Mann entdeckt die Anima in sich selbst und findet Zugang zu Intuition, Kreativität und emotionaler Tiefe.
Diese Qualitäten verbinden sich mit der bisherigen männlichen Struktur seines Lebens.
Auch Frauen erleben in dieser Lebensphase häufig eine Neuorientierung.
Nach Jahren der Fürsorge für Familie und Partnerschaft entsteht der Wunsch, eigene Interessen zu verwirklichen, berufliche Wege einzuschlagen oder kreative Fähigkeiten zu entfalten.
Die zuvor eher im Hintergrund wirkenden männlichen Qualitäten wie Durchsetzungskraft und Zielstrebigkeit treten stärker hervor.
Beide Geschlechter entwickeln sich so Schritt für Schritt zu ganzheitlichen Individuen.
Ein schönes Bild dafür ist der Kreis.
Solange zwei Menschen als unvollständige Halbkugeln durchs Leben gehen, suchen sie im anderen ständig nach Ergänzung.
Wer jedoch seine eigene Ganzheit entdeckt, gleicht einer vollständigen Kugel, die eigenständig und frei durchs Leben rollt.
Begegnen sich zwei solche vollständigen Wesen, entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Eine Verbindung, die nicht auf Abhängigkeit beruht, sondern auf gegenseitiger Achtung und echter Liebe.
Kurz zusammengefasst
Jeder Mensch trägt sowohl weibliche als auch männliche Seelenanteile in sich.
Solange wir diese inneren Kräfte im Außen suchen, entstehen Projektionen und Enttäuschungen.
Erst wenn wir Anima und Animus in uns selbst integrieren, entsteht innere Ganzheit.
Aus dieser inneren Balance heraus können Beziehungen entstehen, die auf Freiheit, Respekt und gegenseitigem Verständnis beruhen.
Ausblick auf das „Gesetz der Entsprechung“
Nachdem wir im Gesetz der Polarität gesehen haben, wie Gegensätze zusammenwirken und wie sich männliche und weibliche Kräfte im Menschen ergänzen, führt uns das nächste hermetische Prinzip zu einer weiteren tiefen Einsicht.
Das Gesetz der Entsprechung beschreibt den Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Welt.
Es wird oft mit dem berühmten Satz aus der hermetischen Tradition zusammengefasst:
Wie oben so unten.
Wie innen so außen.
Was wir in unserem Inneren denken, fühlen und glauben, spiegelt sich früher oder später in unserer äußeren Lebenswirklichkeit wider.
Im nächsten Kapitel werden wir uns daher mit der Frage beschäftigen, wie unsere innere Haltung unsere Realität formt und weshalb Selbsterkenntnis der Schlüssel zu echter Veränderung im Leben ist.
Blogartikel-Ergänzung – THY-Ressourcen
Praxis & Umsetzung:
Im dritten Teil zum Gesetz der Polarität geht es um die Integration von Anima und Animus – den weiblichen und männlichen Anteilen in uns. Erst wenn beide Pole im Inneren wahrgenommen werden, entsteht innere Ganzheit und eine gesunde Basis für Beziehungen.
Übung: Achte im Alltag darauf, welche Eigenschaften du bei dir selbst oder anderen ablehnst. Frage dich: „Welcher innere Pol will hier gesehen werden?“ Integration dieser Aspekte stärkt Selbstbewusstsein und emotionale Balance.