
Vor einigen Tagen rief mich eine Patientin an, weil sie seit längerer Zeit unter starken Blähungen litt und nach einer naturheilkundlichen Unterstützung suchte. In meiner Tätigkeit als Heilpraktikerin werde ich ohnehin fast täglich gefragt: „Kann ich dieses oder jenes (pflanzliche) Präparat eigentlich DAUERHAFT einnehmen?“
Der Fall dieser Patientin zeigt die drastische und überraschende Antwort auf genau diese Frage. Während sie mir ihre Krankengeschichte schilderte, fiel nämlich ein Satz, der mich sofort aufhorchen ließ: „Ich trinke seit ungefähr zwanzig Jahren täglich einen Liter Fenchel-Anis-Kümmel-Tee.“
Sie sagte das ganz selbstverständlich. Für sie gehörte dieser Tee inzwischen genauso zum Alltag wie das morgendliche Frühstück. Irgendwann hatte er ihr einmal gut gegen Verdauungsbeschwerden geholfen. Also trank sie ihn weiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Jahr für Jahr.
Ich fragte sie, ob schon einmal jemand mit ihr darüber gesprochen habe, dass auch ein Heilmittel nach einer so langen Anwendungszeit kritisch hinterfragt werden sollte. Am anderen Ende der Leitung wurde es für einen Moment still. „Nein“, antwortete sie schließlich. „Das hat mir noch niemand gesagt.“
Im Gegenteil. Selbst ihre Heilpraktikerin hatte ihr immer wieder bestätigt, dass Fenchel-Anis-Kümmel-Tee bei Blähungen sinnvoll sei. Und damit hatte sie grundsätzlich auch recht. Fenchel, Anis und Kümmel gehören zu den klassischen Heilpflanzen bei Blähungen, Völlegefühl und krampfartigen Verdauungsbeschwerden. Kaum eine andere Teemischung wird so häufig empfohlen.
Doch während unseres Gesprächs ließ mich ein anderer Gedanke nicht mehr los: Nicht die Frage, ob der Tee im Akutfall hilft – sondern die Frage, wie lange ein wirksames Heilmittel überhaupt angewendet werden darf. Denn zwanzig Jahre sind keine Therapie mehr. Zwanzig Jahre sind eine chronische Gewohnheit!
Wann hören wir eigentlich auf, Gewohnheiten zu hinterfragen?
Je länger ich über dieses Telefonat nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es dabei gar nicht nur um Kräutertee geht. Es geht um etwas, das wir vermutlich alle kennen. Irgendetwas hilft uns einmal. Ein Tee. Ein Nahrungsergänzungsmittel. Eine Salbe. Ein Medikament.
Wir machen gute Erfahrungen damit und freuen uns darüber, endlich etwas gefunden zu haben, das unsere Beschwerden lindert. Das Problem beginnt meist nicht mit der ersten Tasse. Es beginnt auch nicht nach einigen Wochen. Es beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, uns die Frage zu stellen, ob wir diese Unterstützung überhaupt noch brauchen. Aus einer bewussten Entscheidung wird langsam eine Selbstverständlichkeit.
Und genau das beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Vielleicht deshalb, weil ich in meiner beruflichen Laufbahn immer wieder auf Situationen gestoßen bin, die mich nachdenklich gemacht haben. Zwei davon sind mir bis heute besonders deutlich in Erinnerung geblieben.
Zwei Begegnungen, die ich nie vergessen habe
Zum ersten Mal wurde ich mit diesem Gedanken durch eine Kollegin konfrontiert. Sie erzählte mir von einer Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn einen erfahrenen homöopathisch arbeitenden Heilpraktiker aufsuchte.
Der Junge war außergewöhnlich unruhig. Er tobte, schlug um sich, schrie viel und reagierte auf jede Kleinigkeit mit heftigen Wutanfällen. Die Mutter war mit ihren Kräften am Ende und hoffte auf eine homöopathische Behandlung.
Noch bevor sie ihre Geschichte ausführlich schildern konnte, fiel dem Heilpraktiker sofort das Arzneimittelbild von Chamomilla ins Auge. Jeder Homöopath kennt dieses Mittel. Es gehört zu den wichtigsten Arzneien für Kinder, die überaus reizbar sind, schnell zornig werden und sich kaum beruhigen lassen.
Er griff bereits nach dem Rezeptblock, um Chamomilla zu verordnen. Doch dann sagte die Mutter einen Satz, der alles veränderte. „Aber das bekommt er doch schon die ganze Zeit.“ Gemeint waren die Osanit Zahnungskügelchen.
Sie enthalten unter anderem Chamomilla (einer der Hauptwirkstoffe) und sind nur für die Zahnungsphase gedacht. Weil sie dem Kind anfangs so gut geholfen hatten, wurden sie jedoch über einen längeren Zeitraum immer wieder gegeben.
In diesem Augenblick änderte der Heilpraktiker seine Überlegung. Er vermutete, dass es sich möglicherweise um eine Arzneimittelprüfung handeln könnte – also darum, dass die wiederholte Gabe des Mittels inzwischen selbst Symptome hervorrief, die dem Arzneimittelbild von Chamomilla entsprachen. Er setzte die Osanit Zahnungskügelchen ab und verordnete als Antidot Pulsatilla. Nach Aussage meiner Kollegin verschwanden die Symptome nach Absetzen von Osanit und Verabreichung von Pulsatilla innerhalb kürzester Zeit.
Ob tatsächlich eine Arzneimittelprüfung vorlag, lässt sich heute natürlich nicht mehr beweisen. Aber diese Geschichte blieb mir im Gedächtnis.
Einige Zeit später erinnerte ich mich erneut daran.
Während eines Klinikaufenthaltes meiner damals 3-jährigen Tochter kam ich mit einer Mutter ins Gespräch. Sie erzählte mir von ihrem Sohn, der ebenfalls ungewöhnlich reizbar war. Auch er wurde schnell wütend, reagierte übermäßig heftig und fand nur schwer wieder zur Ruhe.
Während unseres Gespräches erwähnte sie ganz beiläufig, dass ihr Sohn täglich Kamillentee trank. Täglich. Ich fragte sie, seit wann. „Schon ziemlich lange“, antwortete sie. Sofort musste ich an den ersten Fall denken.
Natürlich konnte ich daraus keine Schlussfolgerung ziehen. Zwischen beiden Situationen lagen viele Unterschiede und ich wusste nicht, ob der Kamillentee überhaupt etwas mit den Beschwerden zu tun hatte. Dennoch stellte ich der Mutter eine Frage. „Haben Sie den Kamillentee schon einmal für einige Wochen weggelassen?“ Sie schaute mich überrascht an. Mit dieser Frage hatte sie offenbar nicht gerechnet.
Bis dahin hatte niemand den Tee selbst in die Überlegungen einbezogen. Leider weiß ich nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickelt hat. Doch diese beiden Begegnungen haben in mir etwas verändert.
Seitdem frage ich mich bei jeder längerfristigen Anwendung eines Heilmittels:
Ab wann lohnt es sich, die Therapie selbst noch einmal zu hinterfragen?
Was versteht man eigentlich unter einer Arzneimittelprüfung?
Falls du mit Homöopathie bisher wenig Berührung hattest, fragst du dich jetzt vielleicht, was mit dem Begriff Arzneimittelprüfung überhaupt gemeint ist.
In der klassischen Homöopathie geht man davon aus, dass ein Arzneimittel nicht nur heilen, sondern bei unnötiger oder zu häufiger Anwendung auch Beschwerden hervorrufen kann, die seinem eigenen Arzneimittelbild ähneln.
Ein einfaches Beispiel: Das homöopathische Mittel Chamomilla wird häufig bei Kindern eingesetzt, die extrem reizbar sind, schnell zornig werden und sich kaum beruhigen lassen.
Entwickelt ein Kind nach längerer und wiederholter Gabe plötzlich genau diese Symptome, spricht der Homöopath von einer möglichen Arzneimittelprüfung. Solche Beobachtungen gehören seit über zweihundert Jahren zum Erfahrungsschatz der klassischen Homöopathie.
Was mich jedoch beschäftigt, ist eine andere Frage: Wenn wir akzeptieren, dass homöopathische Arzneimittel unter bestimmten Umständen Prüfungssymptome hervorrufen können – warum sollte man dann nicht zumindest darüber nachdenken dürfen, ob auch Heilpflanzen bei einer jahrelangen täglichen Anwendung irgendwann Reaktionen hervorrufen können, die wir bisher gar nicht in Betracht gezogen haben?
Heilpflanzen sind echte Arzneimittel – keine Durstlöscher
Fenchel, Kamille, Salbei, Pfefferminze oder Johanniskraut wachsen zwar in der Natur, doch sie wirken nicht deshalb, weil wir an sie glauben. Sie wirken, weil sie pharmakologisch aktive Inhaltsstoffe enthalten.
Ätherische Öle, Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe und viele andere Pflanzenstoffe beeinflussen Stoffwechselprozesse, wirken auf Schleimhäute, Nerven oder Verdauungsorgane und entfalten genau deshalb ihre therapeutische Wirkung. Anders ausgedrückt: Gerade weil Heilpflanzen helfen können, sollten wir sie bewusst anwenden.
Trotzdem begegnen mir immer wieder Menschen, die seit vielen Jahren täglich denselben Kräutertee trinken. Nicht, weil sie jedes Mal neu entschieden hätten, dass genau dieser Tee im Moment sinnvoll ist. Sondern weil irgendwann aus einer Behandlung eine Gewohnheit geworden ist.
Die paradoxe Wirkung: Wenn das Heilmittel die Beschwerden füttert
Wenn der Körper über 20 Jahre hinweg täglich mit einem Liter dieser konzentrierten ätherischen Öle geflutet wird, kann das exakt die Symptome auslösen, die man eigentlich bekämpfen möchte. Dafür gibt es handfeste medizinische Gründe:
- Rezeptoren-Gewöhnung: Die ätherischen Öle wirken akut krampflösend auf die glatte Darmmuskulatur. Bei einer jahrzehntelangen Dauereinnahme stumpfen die Rezeptoren im Darm jedoch ab. Der Darm „verlernt“ seine natürliche Eigenbewegung (Peristaltik) und reagiert stattdessen mit paradoxen Dauerkrämpfen.
- Die unerkannte FODMAP-Falle: Künstliche Intelligenzen oder oberflächliche Ratgeber behaupten oft fälschlicherweise, Fencheltee sei immer darmbekömmlich. Die Wissenschaft zeigt das Gegenteil: Die renommierte Monash University hat in Labortests nachgewiesen, dass Fencheltee High-FODMAP ist. Er enthält erhebliche Mengen an Fructanen und Oligosacchariden (GOS). Bei einer Trinkmenge von einem Liter täglich gelangen diese unverdaulichen Kohlenhydrate in riesigen Mengen in den Dickdarm. Dort werden sie von den Darmbakterien unter massiver Gasbildung vergoren – der Tee füttert die Blähungen also Tag für Tag neu! (–> SIBO/Dünndarm-Fehlbesiedelung)
- Chronische Schleimhautreizung: Die dauerhafte Zufuhr hochkonzentrierter Pflanzenstoffe reizt die Magen- und Darmschleimhaut mechanisch und chemisch. Dies kann zu chronischen Entzündungen und Reizungen führen, die einem echten Reizdarmsyndrom täuschend ähnlich sehen.
Was das mit THY zu tun hat – Zeit für den harten Schnitt
Im Kern geht es hier um unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit. Jede Therapie beginnt mit einer Entscheidung, weil Beschwerden da sind. Doch unser Körper verändert sich. Warum sollten wir also dieselbe Unterstützung ein Leben lang unhinterfragt konsumieren?
Für mich beginnt Heilung in dem Moment, in dem wir wieder lernen, unserem Körper aufmerksam zuzuhören. Genau darin liegt die Bedeutung meiner Philosophie THY – Trust & Heal Yourself. Es bedeutet, die Verantwortung für den eigenen Heilungsweg selbst zu übernehmen und den Mut aufzubringen, auch vermeintlich „gesunde“ Gewohnheiten radikal zu hinterfragen.
Das Update aus der Praxis
In Bezug auf die o.g. Patientin gab es für mich nur eine medizinisch logische Konsequenz: Der Fenchel-Anis-Kümmel-Tee wird ab heute nicht nur pausiert, sondern vollständig abgesetzt.
Nach 20 Jahren täglicher Dauerreizung braucht der Darm keine kurze Atempause – er braucht einen konsequenten Entzug. Nur durch das vollständige Eliminieren des Tees können sich die Rezeptoren regenerieren und die Schleimhäute abheilen. Erst dann wird man sehen, wie viel Kraft der Körper besitzt, sich ohne die tägliche Zufuhr von außen selbst zu regulieren.
Manchmal ist das Weglassen der größte und mutigste Schritt zur echten Heilung.
Welche vermeintlich gesunde Gewohnheit begleitet dich schon viel zu lange? Hast du auch ein Hausmittel, das du unhinterfragt jeden Tag nutzt? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen!